Differenzhypothese

Sprechen Sie »Gender Diversity«?

Sicherlich haben Sie den Begriff »Gender Diversity« schon mal gehört. Manch einer bzw. eine mag denken, dass ihm oder ihr gar nicht so klar ist, was das eigentlich genau sein soll. Diversität, also Verschiedenheit — Ja klar, das ist gut! Wir leben ja in einer pluralen Gesell-schaft. — Oder: es soll zumindest gut sein. Denn damit es gelingt, braucht es jede Menge Toleranz. Und das Wort Toleranz kommt bekanntlich von lateinisch für »erdulden« bzw. »ertragen« und nicht für »toll finden«. Denn es bedeutet eben auch, dass eine plurale Gesell-schaft ein zukunftsweisendes Konzept braucht, wie wir unsere Gesellschaft als Ganzes und die Identitäten der Einzelnen begreifen, damit diese Unterschiedlichkeit von Menschen in einer pluralen Gesellschaft nebeneinander existieren kann und vor allem nebeneinander existieren darf. »Gender Diversity« bietet so ein weltanschauliches Konzept.

Was verbirgt sich also hinter diesem Konzept? Welche weltanschaulichen Ideen befinden sich darin? Und wie war der Entwicklungsweg der zu »Gender Diversity« geführt hat?
Im letzten Artikel aus meiner kleinen Reihe zu Gender und Kommunikation möchte ich mich mit diesen Fragen auseinander setzen, um am Ende wieder beim Stein des Anstoßes anzukommen.
 

Entwicklungsphasen der Genderforschung

Es ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, dass wir im Großen und Ganzen in einer aufgeklärten und gleichberechtigten Gesellschaft leben. Der Blick in die jüngere Vergangenheit verrät, dass es hier massive Umwälzungen gegeben hat. Diese Veränderungen lassen sich anhand des Forschungsdiskurses der Genderforschung nachvollziehen. Dort gab es jeweils vorherrschende Paradigmen und Paradigmenwechsel. Diese wollen wir uns zunächst in einer Übersicht anschauen. Es werden vier große Paradigmen in den letzten 60 bis 70 Jahren unterschieden:

  • bis in die 1950er Jahre: Defizithypothese
  • 1960er bis 1980er Jahre: Differenzhypothese
  • 1990er Jahre: Doing Gender
  • ab den 2000er Jahren: Dekonstruktion von Geschlecht und Gender Diversity

Bei den Zeitangaben handelt es sich jeweils nur um ungefähre Zeiträume, da sich diese Entwicklung im Diskurs natürlich nur allmählich ergeben hat. Was haben nun also die einzelnen Paradigmen ausgesagt?
 

Die Defizithypothese: Männliches Verhalten ist die Norm.

bis in die 1950er Jahre
Hier werden männliche Verhaltensweisen und männliche Kommunikation als die Norm betrach-tet. Es wird zum Ideal und damit zum Erstrebenswerten erhoben. Weibliches Verhalten und weibliche Kommunikation wird auf diese Norm bezogen und damit automatisch als defizitär erachtet. Schlimmer noch: in dieser Zeit begreifen und erleben sich Frauen selbst so. Da Frau eine Frau ist, kann sie gewisse Dinge einfach nicht. Sie wird sie nie können. Und das war das Konzept, das viele Männer von Frauen hatten, und leider auch viele Frauen von sich selbst. Das männliche Ideal bleibt dem Mann aufgrund seines Geschlechts vorbehalten.
 

Die Differenzhypothese: Männer sind vom Mars und Frauen von der Venus.

ca. 1960er bis 1980er Jahre
In diesem Paradigma wird weibliches Verhalten und weibliche Kommunikation nicht automatisch als defizitär betrachtet, sondern als grundsätzlich verschieden von männlichen Verhaltenswei-sen. In dieser Zeit wurden ganze Listen von Unterschieden erstellt, was typisch männlich und was typisch weiblich sei. Männlichkeit und Weiblichkeit werden also als zwei vollkommen von-einander unabhängige Dimensionen gesehen. Damit wurde unterstrichen, dass Männer und Frauen aufgrund ihrer Biologie einfach unterschiedlich sind und dass sich diese Unterschied-lichkeit auch nicht überkommen lässt.
 

Doing Gender: Du hast kein Geschlecht. Du machst es!

1990er Jahre
Hier tritt erstmals der Begriff Gender auf. Geschlechtliches Verhalten wird also nicht nur das biologische Geschlecht, sondern vor allem auch durch sozio-kulturelle und psychische Einflüsse geformt. Dadurch werden Fragen nach Rollen und Rollenbildern, Attributionen, Darstellungen und Wirkungen hervorgerufen. Hier werden nochmals zwei Teilhypothesen unterschieden: die Registerhypothese und das sogenannte Code Switching.
 

Die Registerhypothese: Dir stehen unterschiedliche Verhaltensweisen zur Verfügung.

In dieser Hypothese wird ein männliches und ein weibliches Verhaltensregister unterschieden. Das sind Verhaltensweisen, die von diesem Geschlecht jeweils häufiger gezeigt werden, aber auch vom jeweils anderen Geschlecht genutzt werden können. Das ist die Vorbereitung für das Code Switching.

Das Code Switching: Du kannst den Code lernen und verändern.

Hier wird nach geschlechtsspezifischen, unveränderbaren Eigenschaften und geschlechts-typischen Eigenschaften, die jedoch modifiziert werden können, unterschieden. Je nach Situation, sozialer Erwartung und kommunikativer Kompetenz können geschlechtstypische Eigenschaften also verändert werden und man kann auch Verhaltensweisen des jeweils anderen Geschlechts an den Tag legen.
 

Dekonstruktion von Geschlecht und Gender Diversity: Geschlecht ist ein Faktor von vielen.

ab den 2000er Jahren
Biologisches Geschlecht und soziologisches Gender sind zwei Faktoren von vielen, die Verhalten und Kommunikation ebenfalls beeinflussen. Dazu gehören z.B. der sozioökonomische Hinter-grund, der Status, die Ethnie, das Alter, die individuelle Biografie u.v.a.m.
Es gelingt also nicht bestimmte Verhaltensmerkmale und kommunikative Merkmale an das biologische oder psychologische Geschlecht zu binden. Die Lebenswirklichkeit von Menschen ist so vielfältig, dass eine eingeengte Betrachtungsweise nicht ausreichend ist, um die Kommunikation und das Verhalten von Männern und Frauen zu erfassen und zu verstehen. Deshalb sollen vorgeschriebene und fixierte Sozialrollen aufgebrochen werden, um der einzelnen Person einen individuellen Entwicklungsweg und neue Ressourcen jenseits festgeschriebener Normenkontexte zu ermöglichen. Der Blick wird also geweitet, um Menschen in den Kontexten von Religion, Kulturkreis, Ethnie, Alter, Bildung, Biografie, Familie usw. zu betrachten und ihnen ein gleichberechtigtes Miteinander zu ermöglichen.
 

Der Stein des Anstoßes:
Die Zeitschrift Cosmopolitan und das Interview zum Thema BeziehungskommunikatioN

Vor einigen Wochen wurde ich von der Journalistin Ina Küper-Reinermann zum Thema Beziehungskommunikation bzw. Beziehungstaubheit für die Zeitschrift Cosmopolitan interviewt. Der Artikel ist den der Ausgabe (10/2017) erschienen. Die Ausgangsfrage war: »Warum hört mir mein Mann nicht zu?«
Nach meiner kleinen Artikelreihe zum Thema Gender und Kommunikation können Sie zumindest antworten, dass es jedenfalls nicht ursächlich daran liegt, dass er ein Mann ist. Sollten Sie in einer schwierigen Situation so richtig genervt oder wütend sein, können Sie sich mit einem kleinen Schmunzeln denken, dass es nicht daran liegt, dass er EIN Mann ist, sondern dass er »M«EIN Mann ist. (*) Und dieses kleine »M« am Anfang fühlt sich gut an.
Mein persönlicher Wunsch ist es nämlich, dass Männer und Frauen stark und offen in ihrer Kommunikation sind. Stark und offen, damit sich ein Paar das Gute, Sichere und Verlässliche in einer Beziehung bewahrt und das Spannende, Unerwartete und Frische immer wieder durch Kommunikation neu entdeckt.

(*) Umgekehrt können sich das auch Männer über ihre Frauen, Männer über ihre Männer oder Frauen über ihre Frauen denken.

Zusammenfassung: Mit dem Thema »Geschlecht und Kommunikation« sind weltanschauliche Ideen verbunden. Das Konzept »Gender Diversity« bietet einen solchen Ansatz, in dem Personen fern von vorgeschriebenen und fixierten Sozialrollen und Attributionen einen eigenen Lebensentwurf, die eigene Identität und Kommunikation entwickeln können. Im Verständnis von »Gender Diversity« ist dies von vielen unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Der diskursive Entwicklungsweg dorthin hat verschiedene Zwischenstufen über die Defizithypothese, die Differenzhypothese und das »Doing Gender« genommen. »Gender Diversity« kann wahrscheinlich bis heute nicht als gesellschaftlicher Konsens gesehen werden.

 

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Sind Männer vom Mars und Frauen von der Venus?

Es wird immer wieder die Frage gestellt, ob Frauen und Männer grundsätzlich verschieden kommunizieren? Und falls ja, wo denn dann die Unterschiede liegen und wie sich diese überwinden ließen? Hier lohnt sich ein Blick in die gesellschaftliche und auch wissenschaftliche Entwicklung, um genauer zu verstehen woher diese Vorstellungen kommen. Denn irgendwie erscheint es ja auch plausibel, dass dem so ist. Denn die meisten haben schon irgendwelche Erfahrungen gemacht, die diese Annahme stützen.


Ist Kommunikation vom Geschlecht abhängig?

Geschlecht als alleiniges Merkmal kann Kommunikationsverhalten nicht erklären. Die Annahme dass Frauen und Männer grundsätzlich unterschiedlich kommunizieren, nennt sich Differenzhypothese und war eine Vorstellung die vor allem in den 1980er Jahre vorherrschte. Da gab es Slogans wie »Männer sind vom Mars und Frauen von der Venus«. Die Hypothese zielte darauf ab, dass Kommunikationsverhalten biologisch determiniert sei. Männlichkeit und Weiblichkeit wurden als zwei vollkommen unabhängige Dimensionen gesehen. Damals sind in Untersuchungen ganze Listen von Unterschieden erstellt worden. Heute wissen wir, dass in Summe die Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern deutlich häufiger sind als die Unterschiede. Die Genderforschung hat sich hier wesentlich entwickelt und Geschlecht und damit auch kommunikatives Verhalten werden heute nicht mehr in dieser Polarität betrachtet.
 

Häufigkeit von gezeigtem Ausdrucksverhalten

Wesentlich ist dabei kommunikatives Ausdrucksverhalten und das zeigt sich durch drei Ebenen: Sprache, Stimme und Körper. Zur Sprache gehören Dinge wie die Wortwahl, der Satzbau, die Verwendung von Füllwörtern, Floskeln und Weichmachern, aber auch das Sprechen in Bildern. Alles was wir also aufschreiben können. Die Stimme ist dann das, wie es klingt. Hierzu gehören Faktoren wie Resonanz, Lautstärke, Stimmmelodie, Betonungen, Pausen, Sprechtempo und die Stimmlage. Und der Körperausdruck ist dann alles was man sehen kann. Hierzu gehören Mimik, Gestik, Blickkontakt, Bewegungsverhalten und Nähe-Distanz-Verhalten. Mit Sprache, Stimme und Körper können wir unsere Kommunikation also gestalten.

Dabei gibt es kommunikative Verhaltensweisen, die jeweils bei Männern und Frauen häufiger auftauchen. Es ist jedoch sehr wichtig, dass deshalb noch lange nicht dieses Verhalten an sich männlich oder weiblich ist. So zeigen Frauen häufiger Abschwächungen, wie z.B. Frageformen, Weichmacher oder Lächelverhalten, unterstützende Rezipienzsignale, wie Nicken und ein bestätigendes »Mmh«, sowie geringeren Blickkontakt oder geringere Raumnutzung. Männer hingegen zeigen häufiger relativ lautes Sprechen, sie unterbrechen häufiger, halten deutlicher Blickkontakt oder nehmen mehr Raum ein. Es ist wichtig, dass diese Verhaltensweisen aber auch vom jeweils anderen Geschlecht gezeigt werden können. Dieses Verhalten nimmt dann Einfluss auf unsere Wirkung und das sogenannte Turn-taking, das heißt wie der Wechsel zwischen den Sprechern funktioniert.

Man sollte sich jedoch bewusst machen, dass jedes Verhalten situativ ist. So kann ich auch als Frau z.B. im Gespräch mit meinem Vorgesetzten laut sprechen, deutlichen Blickkontakt zeigen und viel Raum einnehmen - in einer anderen Situation dies aber genau nicht tun. Und durch das Zeigen des Verhaltens wird eine Frau auch nicht gleich »zum Mann«. Umgekehrt können Männer bspw. situativ leiser sprechen und viele bestärkende Rezipienzsignale einsetzen. Es geht um die Angemessenheit des Verhaltens. Und das nehmen wir in der Situation sehr intuitiv wahr.
 

Kommunikation ist durch viele Faktoren geformt

Zusammenfassend kann man also sagen: Kommunikation ist ein extrem komplexes Phänomen, das durch sehr viele Faktoren beeinflusst und geformt wird. Diese Faktoren sind alle personenspezifisch. Biologisches Geschlecht und soziologisches Gender sind nur zwei davon. Kommunikationsverhalten ist in hohem Maße erlernt und ist deshalb unter anderem abhängig von Kultur, Beziehungen und Bindungsverhalten zu Familie und Freunden, Bildung, Rollenverständnis und vielem anderen mehr. Jeder Mensch entwickelt damit eine eigene Kommunikationsbiografie. Darin sind alle Erfahrungen enthalten, die diese Person gemacht hat und das beeinflusst das Verhalten in zukünftigen Situationen. In jeder Situation und mit jeder Person zeigt sich Kommunikation neu. Wenn jemand das Kommunikationsverhalten alleinig durch das biologische Geschlecht erklären möchte, ist dies eine falsche Verkürzung.

 

Zusammenfassung: Kommunikation ist ein komplexes Phänomen, das durch sehr viele Faktoren beeinflusst und geformt wird. Biologisches Geschlecht und soziologisches Gender sind zwei davon. So kann Geschlecht als alleiniges Merkmal Kommunikationsverhalten nicht erklären. Manche kommunikative Verhaltensweisen werden von Männern und Frauen jedoch häufiger gezeigt. Verhalten an sich hat jedoch kein Geschlecht.

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