Kommunikationspsychologie

Interview mit der Zeitschrift Cosmopolitan

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Vor einigen Wochen bekam ich einen Anruf von der Journalistin Ina Küper-Reinermann, die für die Zeitschrift Cosmopolitan schreibt. Sie würde mich gerne als Kommunikations-expertin für einen Artikel zum Thema »Beziehungstaubheit« interviewen. In der aktuellen Ausgabe 10/2017 ist der Artikel unter dem Titel »Hör mir zu, Mann!« erschienen. Darin werden ein paar kurze Passagen aus dem Interview mit mir zitiert.

Gerne möchte ich es zum Anlass nehmen hier in meinem Blog nochmals etwas genauer auf das Thema Beziehungskommunikation einzugehen. Denn in der Intimität einer Paarbeziehung liegen so viele Bedürfnisse, Hoffnungen und Erwartungen — und diese zeigen sich ganz besonders in der Kommunikation zwischen den Partnern.

Durch die Fragestellungen der Journalistin ist mir nochmals stärker bewusst geworden, welche Vorstellungen, Wünsche und Ängste, aber auch Stereotype und Mythen über Beziehungs-kommunikation existieren. Ein paar Fragen zum Thema »Beziehungstaubheit« möchte ich deshalb aufgreifen und aus meiner Perspektive dazu Stellung nehmen. Außerdem werde ich in den kommenden Tagen ein paar Artikel zum Thema »Beziehungskommunikation« sowie »Gender und Kommunikation« veröffentlichen.

 

Warum ist es so kränkend, wenn man sich überhört fühlt?

Das Gefühl nicht gehört zu werden, ist ein Gefühl der Zurückweisung. Doch gerade in einer Liebesbeziehung leben wir unsere Bedürfnisse nach Liebe, Anerkennung und Wertschätzung der eigenen Person. In diesem Fall fühle ich mich uns also in meinem innersten Bedürfnissen von meinem Partner nicht wahrgenommen. Doch eine Frage ist: Werde ich überhört oder fühle ich mich so? Jede Person hat da auch eine andere Erwartungshaltung und implizit ein anderes Maß dafür, wann er oder sie sich genügend gehört fühlt. Bedürfnisstrukturen und die Befriedigung von Bedürfnissen sind also bei jedem etwas unterschiedlich ausgeprägt.

Natürlich ist die Erwartungshaltung an den Partner, mit dem man Intimität und Vertrautheit teilt, diese Bedürfnisse zu beantworten recht groß. Deshalb muss jeder immer wieder für sich selbst schauen: Welchen Wert, welche Anerkennung und welche Liebe kann ich mir selbst geben? Was kann und darf ich von meinem Partner erwarten? Wenn ich jedoch bemerke, dass es mich wirklich stört, dass ich mich nicht gehört fühle, kann ich mir zunächst die Frage stellen: Warum stört es mich so sehr? Welches Bedürfnis liegt dahinter? Welche Befürchtung oder Angst liegt dahinter? Wenn ein solches Bedürfnis oder eine solche Angst zum Vorschein tritt, kann es sinnvoll sein, das mit dem Partner zu teilen, um ihm bzw. ihr zu zeigen warum es für mich so wichtig ist. Denn gewisse Bedürfnisse sind in einer Beziehung einfach nicht verhandelbar. Der Rest schon und hier kommt dann Kommunikation ins Spiel.
 

Muss ich akzeptieren, dass ihn manche Dinge schlicht nicht interessieren? Und falls ja, wie gelingt es, dass ich mich trotzdem nicht überhört fühle?

Vielleicht muss ich es nicht nur akzeptieren, vielleicht sollte ich mich sogar darüber freuen. Ich sollte nicht automatisch den Schluss ziehen, dass sich der Partner nicht für mich als Person interessiert, nur weil er sich nicht immer für alle meine Themen interessiert. Aber hier liegt auch großes Potenzial: In einer Beziehung gibt es Themen die man teilt und die man auch gemeinsam gestaltet. Es muss aber auch genauso Themen geben, die nur mein Eigen sind. Es muss sie geben. Sonst erlebe ich mich in ständiger Abhängigkeit von meinem Partner und seiner Bestätigung. Themen wo ich also für mich sein darf, da wo ich eigene Interessen unabhängig vom Partner leben kann. Und es ist auch ein Ort, wo ich für meinen Partner auch wieder neuartig, unbekannt, interessant und überraschend sein kann. Dadurch kann Kommunikation in der Beziehung wieder neu belebt werden. Da wo auch mal ein Geheimnis oder was Unerwartetes ist, kann die Neugierde auf den Anderen Kommunikation neu entfachen.
 

Liebe ist die Feier der Unterschiedlichkeit der Partner

Der Wunsch nach einer funktionierenden Beziehungskommunikation geht dahin, dass beide Partner die Beziehung leben, gestalten und mit Sinn erfüllen. Sinn den beide Partner erleben und spüren. Dieser Sinn ist aber auf keinen Fall als Symbiose zu verstehen, sondern als Erleben einer gemeinsamen Perspektive mit verbindenden Zielen und Wertevorstellungen. Es geht um Intimität, Vertrauen, Leidenschaft und die Entscheidung für einen Partner. Und das wird immer und immer wieder auf’s Neue durch das Sprechen mit dem Anderen erneuert, verhandelt und bekräftigt. Manchmal kann es auch das gemeinsame Schweigen sein. Wenn man so will, ist Liebe die ständige Feier der Unterschiedlichkeit der Partner, die eben auch durch Kommunikation erfahrbar wird. Wenn wir Symbiose und Verschmelzung hätten, dann hätten wir uns nichts mehr zu sagen.

Deshalb ist mein persönlicher Wunsch, dass Menschen so offen und stark in ihrer Kommunikation sind, dass sie situativ angemessen, kongruent in ihrem Gefühl und ihrem Ausdruck und damit authentisch-konstruktiv miteinander sprechen können.

 

Zusammenfassung: In der aktuellen deutschsprachigen Ausgabe der Cosmopolitan (10/2017) ist ein Artikel mit dem Titel »Hör mir zu, Mann!« erschienen. Darin werden ein paar Aussagen aus einem Interview mit mir zitiert. In einer Folge von Artikeln möchte ich zu den Themen »Beziehungskommunikation« sowie »Gender und Kommunikation« Stellung nehmen, um Menschen in einer angemessenen, kongruenten und konstruktiven Kommunikation zu stärken.

P.S.: Vielen Dank an Ina Küper-Reinermann für das Vertrauen sich mit ihren Interview-fragen an mich zu wenden!
 

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Rückblick und Ausblick

Gerne möchte ich DANKE! sagen. Danke für viel positive und konstruktive Rückmeldung zu meinem Blog und den Artikeln. Danke für viel Inspiration und gute Impulse. Danke für etwa 600 neu hinzugewonnene Blogabonnenten im Jahr 2016. Es freut mich sehr, dass mein kleiner Blog anscheinend für viele Leute neue Gedankenimpulse und Perspektiven bereit hält. Und genau das wünsche ich Ihnen auch für das kommende Jahr 2017: Offene Augen, um neue Blickwinkel und Perspektiven zu entdecken. Offenen Ohren, um neue Positionen und Zwischentöne zu erfahren. Tatkräftige Hände, um etwas zu Guten zu bewegen: Für sich selbst und andere!

Als kleinen Rückblick habe ich besonders beliebte Artikel zusammengestellt. Es sind 12 von über 40 Blogposts. Ich freue mich wenn Sie durchklicken, reinlesen und hängen bleiben.
Die 7-38-55-Lüge: Was es mit diesen ominösen Zahlen auf sich hat und warum sie nicht geeignet sind menschliche Wirkung zu beschreiben.
Lass mich in dir lesen, Baby!: Von der Sehnsucht die Körpersprache des Gegenübers deuten und interpretieren zu können.
Auf welchem Weg zum Ziel?: Wie man Ziele formulieren kann, so dass sie die eigene intrinsische Motivation steigern.
Was ich Dir schon immer mal sagen wollte: Warum Feedback ein mächtiges Instrument ist und wie man durch einen neuen Blickwinkel auf Feedback, Rückmeldungen in einem neuen Licht betrachten kann.
Es gibt immer noch eine Idee mehr: Was divergentes Denken ist und wie kreative Denkformen trainiert werden können.
Fragen über Fragen: Wie man Fragen und verschiedene Fragenformen nutzen kann, um positive Impulse für Gespräche zu setzen.
Kreativ im Team: Welche Kommunikationmaximen helfen kreative Prozesse im Team zu unterstützen und Production blocking zu vermeiden.
Widerstand ist ein Kooperationsangebot: Warum man kommunikativen Widerstand feiern sollte und welches Potential darin liegt.
Wie funktioniert Stimmtraining?: In welchen Bereich Sie trainieren können, um eine klare, klangvolle und tragfähige Stimme zu entwickeln.
Augenschmaus beim Medieneinsatz: Drei konkrete Tipps wie Sie Ihren Medieneinsatz anschaulich und schön gestalten können.
Stark mit Lampenfieber: Wie Lampenfieber zu Stande kommt und wie man trotz Lampenfieber seine Leistungsfähigkeit nutzen kann.
Lach’ dem Säbelzahntiger ins Gesicht: Was Evolutionspsychologie zu erklären versucht, und warum es für unsere menschliche Kommunikation schwierig ist evolutionspsychologische Erklärungsansätze zu verwenden.

Im Bereich Journal schreibe ich regelmäßig Beiträge zu Kommunikationspsychologie, Rhetorik, Stimme, Kreativität und Didaktik. Manchmal sind es auch Off-Topic-Themen, die mich im Leben einfach umtreiben. Alle 1-2 Wochen kommt ein neuer Beitrag hinzu. So versuche ich immer wieder spannende Themen aufzuspüren, und fundiert und interessant aufzubereiten. Wenn Sie diese und weitere Blog-Einträge regelmäßig lesen wollen, so können Sie hier meinen Blog abonnieren:

Zauberwort: Selbstverwirklichung

Begriffe wie z.B. Selbstverwirklichung, Potential, Ressource, Kongruenz, Ganzheitlichkeit und Autonomie erscheinen uns heute in der Kommunikationspsychologie so selbstverständlich. Sie haben in der gleichen Selbstverständlichkeit Eingang in das alltägliche Streben, Handeln und Sprechen gefunden. Und doch sind wir uns nicht mehr ganz bewusst, wo diese Begriffe ihre Wurzeln haben: in der Humanistischen Psychologie.

Ihrem Anspruch nach trägt die Humanistische Psychologie dazu bei, dass sich gesunde, sich selbst verwirklichende und schöpferische Persönlichkeiten entfalten können. Weltanschauliche Wurzeln hat die Humanistische Psychologie vor allem im säkularen Humanismus und darauf aufbauend im Existentialismus und in der Phänomenologie.
Die Humanistische Psychologie startete als Protest- und Gegenbewegung in den 1960er. Eine Gegenbewegung zu den vorherrschenden psychologischen Paradigmen, Tiefenpsychologie und Behaviorismus, die als deterministisch und reduktionistisch betrachtet wurden. Auch die allgemeinen politische und gesellschaftliche Situation der 1960er Jahre bestärkte die humanistische Psychologie in ihrem zentralen Anliegen. Sie verstand sich selbst als sogenannte „Dritte Kraft“, in deutlich formulierter Abgrenzung zu den anderen beiden Richtungen. Wichtige und bekannte Vertreter der Humanistischen Psychologie sind Abraham Maslow, Carl Rogers, Ruth Cohen und Eric Berne.


Kernthesen der humanistischen Psychologie sind u.a.:

  • Das Individuum verfügt potentiell über unerhörte Möglichkeiten, um sich selbst zu begreifen und seine Selbstkonzepte, seine Grundeinstellung und sein selbstgesteuertes Verhalten zu verändern. Dieses Potential kann erschlossen werden, wenn es gelingt, ein klar definiertes Klima förderlicher psychologischer Einstellungen herzustellen.
  • Menschliches Existieren vollzieht sich in zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Humanistische Psychologe studiert den Menschen in seinem zwischenmenschlichen Potential, als soziales Wesen und nicht isoliert von seinen sozialen Bezügen.
  • Der Mensch lebt bewusst. Ein Wesensmerkmal des Menschen ist es, dass er bewusst erleben kann, dass er Bewusstheit über sich selbst erreichen kann, unabhängig davon, wieviel dem Bewusstsein jeweils zugänglich ist. Diese Möglichkeit des bewussten Erlebens ist Grundlage und Voraussetzung dafür, menschliche Erfahrungen überhaupt verstehen zu können.
  • Der Mensch ist in der Lage zu wählen und zu entscheiden. Unabhängig von der Diskussion, ob der menschliche Wille frei ist, ist die Möglichkeit der Wahl ein phänomenologisches Faktum. Dadurch kann der Mensch sein aktuelles Sein und seinen aktuellen Zustand überschreiten und sich wandeln.

Die Humanistische Psychologie hat damit auch die „Therapie für den Normalo“ salonfähig gemacht. Denn aus einer defizitären Perspektive wurde eine Entwicklungsperspektive. Die Lern- und Entwicklungsfähigkeit des Menschen wurde somit als gegeben anerkannt. Dadurch haben sich zunehmend Trainings- und Coachingangebote etabliert, die heute als Selbstverständlichkeit angesehen werden und einen ganzen Weiterbildungsmarkt darstellen. Doch die Humanistische Psychologie wollte dies sicherlich nicht im Sinne einer Selbstoptimierung verstanden haben, da die innere Stimmigkeit und Kongruenz als maßgebliche Maxime der eigenen Entwicklungsrichtung gesehen wird.


Der folgende Vortrag von Prof. Friedemann Schulz von Thun zu Ehren von Ruth Cohen beinhaltet viele schöne Gedankenanstöße und Reflexionsimpulse. Viel Vergnügen beim Anschauen!